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Der Weißstorch in Reichelsheim - eine alte Ansichtskarte und ein Foto aus Familienbesitz als Beweis. Wer hat noch alte Belegfotos von früheren Storchennester in den Orten? Bitte bei mir melden! DANKE!



Auch in Nidda auf dem Marktplatz gab es früher ein Storchennest.



Wer hat ähnliche Berichte aus der Wetterau? Für Unterlagen oder Hinweise bin ich dankbar.


Dr. Ernst Koch-Grünberg
(aus dem Buch „1200 Jahre Echzell“, abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der Gemeinde Echzell, als Herausgeber)

Auf dem Westgiebel der kleinen Kirche im Ortsteil Gettenau steht ein seltsames Gebilde. Rundgeflochtene Schwarzdornreiser, von der Sonne gebleicht, von Winterstürmen zerzaust, altersschwach und armselig das Ganze. Spatzen nisten in dem Gezweig, und ab und zu ruhen sich Tauben darauf aus. Nur die, die es einst regelmäßig bewohnten, es in jedem Frühjahr ausbesserten und wieder neu herrichteten, sie kommen nicht mehr. - So dämmert das alte Nest langsam aber sicher seinem Verfall entgegen und die Hoffnungen, in jedem Frühling neu belebt, erwiesen sich immer wieder als trügerisch.

Der Storchennistplatz auf der Gettenauer Kirche hat eine lange Geschichte. Dank der Aufzeichnungen des Ernst Wilhelm Stoll aus Gettenau/Echzell wissen wir das genaue Jahr seiner Entstehung: 22. Februar 1868.

Als ich im August 1947 zum ersten Mal in Gettenau die damals noch staubige Dorfstraße vom Bahnhof aus hinaufging, Richtung Kirche, sah ich plötzlich das große Nest vor mir und die Störche, alle voll ausgewachsen kurz vor ihrer großen Afrikareise. Ich nahm es als Symbol für meine Zukunft, da man als Arzt ja damals in erster Linie noch Geburtshelfer war und der Storchenreichtum auch noch mit dem Kindersegen parallel ging, womit der alte Kinderglaube auch bewiesen wäre.

Als Nachbarn der Störche - wohnten wir doch lange Zeit im Gettenauer Pfarrhaus - nahmen wir natürlich an ihrem Wohlergehen regen Anteil. Jedes Frühjahr die Spannung, wann sie wohl kämen, jeden Sommer die leise Wehmut, wenn das Nest verlassen war. So wie der Frühling gekommen schien, wenn der Storch da war, so brachte der August mit dem Wegzug die erste Ahnung von Herbst und Winter. So gehörten die Störche eng zu unserem Jahresrhythmus. Wenn sie im März-April kamen, manchmal beide zugleich, gelegentlich auch erst der eine, oft tage-, ja manchmal wochenlang auf den Partner wartend, gab es großen Hausputz und Renovierung des Nestes. Frische Reiser wurden angeschleppt Grassoden und alte Säcke, was man so fand zur Auspolsterung der Nestmulde. Dazwischen immer wieder zärtliche Begrüßung, zweistimmiges Geklapper. Abends sah man die Silhouetten der beiden sich vom Nachthimmel abheben.

Hatte das Weibchen dann fertig gebrütet, war es wiederum spannend, die kleinen Schnäbel über den Nestrand auftauchen zu sehen und zu raten, wie viele es diesmal sein mögen. Meistens waren es zwei bis drei, mehr als vier wurden kaum aufgezogen. Es gab später ja auch ein ziemliches Gedränge im Nest. Die Jungen wuchsen sehr schnell, und da wird wohl das Schwächste, das Letztgeborene, meist an den Rand gedrängt, den Halt verloren haben. Die Mär, dass die Alten das Fünfte eigenhändig zum Tode verurteilt und aus dem Nest geworfen hätten, trifft sicher nicht zu.

Der alte Kirchendiener Schäfer hatte im Gebälk des Turmes immer Ankunft und Abreisedatum der Störche notiert. Leider gingen diese Daten bei dem Umbau des Kirchenturms Anfang der sechziger Jahre verloren. Der schiefe Turm, nicht ganz so schief wie der Echzeller Kirchturm, musste abgebaut und erneuert werden. Der Störche wegen begannen die Arbeiten schon frühzeitig im Jahr. Trotzdem gelang es nicht, sie vor Eintreffen derselben zu beenden. Ich war gespannt, wie sie sich verhalten würden. Als der Turm im Rohbau stand, kam der erste Storch. In wenigen Tagen hatte er sich daran gewöhnt, dass die Menschen ganz in seiner Nähe und sogar über seinem Nest arbeiteten. Als der zweite  eintraf, war der erste schon so der veränderten Situation angepasst, dass es keinerlei Schwierigkeiten gab und auch das Brutgeschäft glatt verlief.

1970 hatte es keinen Nachwuchs gegeben, das Gelege war abgestorben, die Gründe konnten nicht festgestellt werden. Dafür gab es dann 1971 Vierlinge, die alle gesund aufwuchsen. Damals ahnten wir noch nicht, dass dies die letzte problemlose Brut sein würde. Manchmal gab es auch erbitterte Kämpfe um den Horst. Der Leiter der Vogelschutzgruppe in Gettenau, Heinrich Glaub, hat einen solchen aus nächster Nähe beobachtet und beschrieben.

Das Heranwachsen der Jungen zu beobachten, hat immer sehr viel Freude gemacht. Der genaue Ritus, nach dem die Futterabgabe erfolgte, wenn die Jungstörche nach dem Anfliegen des Altvogels geduckt, mit den Schnäbeln zur Mitte ausgerichtet, das Auswürgen der Nahrung erwarteten und dann das aufgeregte Picken, Hacken und Schlingen der zappelnden Beute. Als dann die Schwingen wuchsen, wurden sie mit sausenden Flügelschlägen, die die Tiere oft hoch über der Nestmitte in die Luft hoben, erprobt. Schließlich der erste Flug, noch ungeschickt, schwankend, aber bald in Perfektion der Alten übergehend. Unvergesslich die herrlichen Flugbilder, wenn sie an heißen, sonnigen Julitagen, die Thermik ausnutzend, zusammen mit den Altvögeln am blauen Sommerhimmel kreisten und schwebten.

Vor der endgültigen Abreise nach den fernen Winterquartieren pflegten sich die Störche früher in der Horloffniederung zu sammeln. Heinrich Glaub hat in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg einmal östlich der Straße Echzell-Kreuzquelle in der Nähe von Grund-Schwalheim nicht weniger als 85 Stück gezählt, und auch ich erinnere mich an ähnlich starke Versammlungen in diesem Gebiet. Die letzte von Glaub beobachtete Herbstversammlung war oberhalb des Echzeller Friedhofes mit 14 Störchen.

Ab 1973 leiteten verschiedene Tragödien dann das endgültige Ende der Gettenauer Störche ein. Heinrich Glaub hat sie aufgezeichnet:
Von den beiden Nestbewohnern, die im Mai 1973 noch so tapfer ihren Horst gegen den Fremdstorch verteidigt hatten, verunglückte das Männchen am 1. Juni und konnte nicht mehr fliegen. Es wurde in den Heimattierpark Bad Nauheim gebracht. Das Weibchen brütete zwei Junge aus, vermochte aber nicht, sie alleine aufzuziehen. Die Störchin verteidigte auch noch alleine das Nest gegen Fremdstörche.

1974 erschienen zwei Störche Mitte April, verpaarten sich auch. Das Männchen verschwand jedoch nach acht Tagen und wurde nie mehr gesehen. Das Weibchen legte drei Eier, Nachwuchs erschien jedoch nicht mehr.  Am 26. Juni verunglückte die Störchin tödlich an den ungeschützten Drähten einer Trafostation in Grund-Schwalheim.

Sehr Merkwürdiges passierte im Winter 1974-1975. Seit Ende Oktober ist ein Storch den ganzen Winter über fast täglich Bewohner des Nestes. Am 9. Februar 1975, also zu einer Zeit, wo sonst überhaupt noch kein Storchenzug beobachtet wurde, gesellt sich ein zweiter Storch dazu. Dieser Storch soll sich auch während des Winters in der Gegend Staden/Nieder-Mockstadt aufgehalten haben. Am 26.3. wurde der eine Storch geh- und flugunfähig in den Wiesen bei Bingenheim gefunden. Er wurde von Udo Seum, Bingenheim, einige Tage gepflegt, dann aber in die Storchenpflegestation nach Verden an der Aller gebracht. Am 13. April konnte sie, denn es handelte sich um die Störchin, vollkommen geheilt wieder abgeholt werden. Auf den Wiesen an der Bingenheimer Allee wurde sie frei gelassen, fand auch gleich zum Horst zurück und wurde vom Männchen freudig begrüßt. Am 31. Mai 1975 waren zu aller Freude, denn die Angelegenheit hatte auch in der lokalen Presse große Beachtung gefunden, zwei Jungstörche im Nest, die jedoch beide im Laufe des Juli starben. Während der eine von den Altstörchen nach seinem Ableben aus dem Nest geworfen wurde, musste zur Entfernung des anderen die Friedberger Feuerwehr mit der großen Drehleiter eingesetzt werden.

Am 24. August 1975 verließen die beiden Störche Gettenau. Das Weibchen, kenntlich an dem in Verden angelegten Ring, kehrte Ende September noch einmal für drei Tage zurück. Danach verschwand es, und das war dann das endgültige "Aus" für die Gettenauer Störche.